von Michael Schlüter
Guyana, ehemals Britisch-Guyana, liegt im
Nordosten Südamerikas und war früher ein wichtiges Exportland für
Aquarienfische. Dort sind viele Fischarten beheimatet, die bereits
seit mehreren Jahrzehnten in der Aquaristik bekannt sind. Dazu gehören
zum Beispiel Nannacara anomala, Nannostomus marginatus oder
Corydoras melanistius. Aber auch noch unbeschriebene Arten
wie Rivulus sp. „Paryagi“ sind hier zu finden.

Rivulus sp. „Paryagi“, eine unbeschriebene Art, von der
bisher nur ein Fundort bekannt ist. Foto: M. Schlüter
Das erste Mal dachte ich über eine Reise nach
Guyana nach, als mich Frans Vermeulen während eines Besuchs bei
ihm auf Aruba fragte, ob ich nicht Lust hätte, an einer
Fischfangreise dorthin teilzunehmen. Ich musste leider absagen, da
ich schon eine eigene Reise nach West-Kalimantan (Borneo) geplant
hatte. Organisatorische Schwierigkeiten und persönliche Probleme
potenzieller Mitreisender verhinderten sie jedoch. Daher war ich
sehr erfreut, dass Frans sein Angebot für Guyana erneuerte, als
ich ihm von den Komplikationen meiner Reisegestaltung berichtete.
Nach Rücksprache mit den beiden weiteren Reisebegleitern Bernd
Schölzel und Sigmund Sladkowski buchte ich kurzentschlossen den
Flug nach Georgetown, der Hauptstadt Guyanas.
Neben den in Guyana vorkommenden Rivulus-Arten
interessierte mich hauptsächlich Poecilocharax bovalli,
die zweite Art der Gattung Poecilocharax, die bisher nur
von Frans Vermeulen und Wim Suyker nach Aruba beziehungsweise
Holland gebracht worden war. Kommerzielle Importe dieser Art sind
mir nicht bekannt.
Als die Reise nach ausführlichen Recherchen
über die Fischfauna endlich am 1. 9. 2006 beginnen sollte, fühlte
ich mich an meine Kalimantanreise im Oktober 2001 erinnert. Damals
führten die Terroranschläge vom 11. 9. 2001 zu einem abrupten
Ende unserer Reise. Mein Begleiter Rudolf Moeschke und ich wurden
aus dem Hotel geworfen und uns wurde nahegelegt, das Land so
schnell wie möglich zu verlassen.
Die Terrorwarnungen in Großbritannien im
August 2006 hatten zur Folge, dass das Handgepäck bei einer Reise
über Manchester erheblich kleiner sein musste und Flüssigkeiten
nicht mitgenommen werden durften. Daher musste ich meine Fotoausrüstung
im Koffer transportieren. Neben der Fischtransportbox,
Fangutensilien und Messgeräten blieb nicht viel Platz für Nebensächlichkeiten
wie Kleidung.

Mit etwa 3 cm Länge ist Rivulus frenatus ausgewachsen.
Foto: M. Schlüter
Erste Fangplätze
In Manchester traf ich dann Siggi und Bernd.
Von dort ging es über Antigua nach Georgetown weiter. Hier
empfing uns Frans mit unserem Führer und Gastgeber Suresh Paryag,
dessen Name bei Rivulus-Liebhabern relativ bekannt ist.
Nach ihm wurde eine noch unbestimmte, sehr schöne Rivulus-Art
vorläufig benannt: Rivulus sp. „Paryagi“. Suresh
wohnte in Eccles, einem Stadtteil von Georgetown, zu dem wir
fuhren, um die weitere Planung zu besprechen. Frans war ein paar
Tage vorher angekommen und hatte schon einige organisatorische
Dinge erledigt. So konnten wir bereits am nächsten Tag losfahren,
um Fische zu fangen – ein sehr angenehmer Luxus.
Wir mieteten Sureshs Toyota-Kleinbus und
fuhren mit ihm von Georgetown in Richtung Linden durch eine offene
Savannenlandschaft zu einem Bach, der rechts vom Demarara-Fluss
verlief. Der Bach namens Loo Creek floss durch Buschwald mit
sandigem Untergrund. Die Wasserfärbung war relativ dunkel. Wir
konnten am 2. 9. 2006 um etwa 11 Uhr einen pH-Wert um 4,5 und eine
Leitfähigkeit von 25 µS/cm bei etwa 25 °C Wassertemperatur
messen.
Der Loo Creek führte Niedrigwasser und floss
mäßig bis stark strömend. In den schwach strömenden Bereichen
konnten wir Rivulus agilae und Poecilocharax weitzmani
fangen. Weitere Fischarten waren Apistogramma ortmanni,
Mesonauta guyanae, Nannacara anomala, Bryconops cf. affinis,
Hemigrammus erythrozonus, Nannostomus trifasciatus,
Nannostomus unifasciatus sowie ein Jungtier von Hemiloricaria
cf. fallax.
Von Linden fuhren wir weiter Richtung
Rockstone. Hier wurde die bisher asphaltierte Straße zu einer holprigen
Sandpiste. Aus Rockstone ist ein Fundort von Rivulus frenatus
bekannt, der in der Aquaristik leider sehr
selten geworden ist. Es handelte sich um einen
Schwarzwassergraben mit Laubeinlagerungen und schlammigen
Untergrund, wo wir bei nahezu identischen Wasserwerten neben dem
schönen Rivulus frenatus auch Nannacara sp. „Essequibo“
fangen konnten. Mit den gefangenen Fischen fuhren wir zurück nach
Georgetown. Die ersten Nächte in Guyana waren recht unangenehm,
da uns die Klima-Umstellung arg zu schaffen machte.
Übernachtung vor der Disco
Am nächsten Tag flogen wir mit einer Cessna
nach Kamerang im Pakaraima-Gebirge, einem Indianerdorf am oberen
Mazaruni-Fluss. Kamerang liegt nahe der Mündung des
Kamerang-Flusses in den Mazaruni. Der Abflug gestaltete sich
leider nicht ganz problemlos, da wir mitsamt unserem Gepäck über
dem erlaubten Limit zum Start lagen. Auch einer unserer
Mitstreiter war von sehr kräftiger Statur. Nach längerer
Wartezeit und ausführlichen Diskussionen mit dem Piloten durften
wir dann doch alle mit vollständigem Gepäck mitfliegen.
Die Flugzeit nach Kamerang betrug etwas mehr
als eine Stunde. Dort wurden wir von einem Polizisten in Uniform
sowie ein paar betrunkenen Goldgräbern begrüßt. Nach
Erledigung der Formalitäten durften wir unsere Hängematten vor
einem kleinen Laden für Bekleidung, der dem Dorfoberhaupt Gomes
gehörte, auf der überdachten Terrasse aufhängen. In Kamerang
leben Menschen unterschiedlicher Herkunft. Hauptsächlich sind
es Indianer, die als Goldsucher, Bauern oder Fischer arbeiten.
Alle nicht verfügbaren Lebensmittel und Haushaltsgegenstände
sowie Benzin werden mit kleinen Flugzeugen eingeflogen, da
Kamerang in 940 m Höhe liegt und durch mehrere Stromschnellen im
Mazaruni-Fluss nicht per Boot erreichbar ist.
Da wir möglichst am gleichen Tag fischen wollten,
mieteten wir das Boot von Gomes sowie ihn selbst als Führer und
fuhren flussabwärts Richtung Mazaruni-Fluss. Etwa 2 km von
Kamerang Landing entfernt fanden wir einen kleinen Bach, der an
der rechten Seite in den Kamerang floss. Um in dem Bach fischen zu
können, mussten wir einige Hindernisse umgehen, beispielsweise
umgestürzte Bäume. Der Regenwald war hier relativ dicht, was das
Vorankommen erschwerte. Das ungefähr 2 m hohe Steilufer bestand
aus Lehm, in den man richtig tief einsinken konnte, was natürlich
auch geschah. Nach kurzer Zeit kamen wir nicht mehr weiter,
konnten jedoch Rivulus immaculatus und Rivulus
torrenticola sowie Jungfische einer Gymnotus-Art
fangen.
Zurück in Kamerang machten wir unsere Pläne
für die nächsten Tage und legten uns relativ früh schlafen.
Leider hatten wir übersehen, dass direkt gegenüber unseres
Schlafplatzes eine Disco war. Diese hatte nicht nur innen,
sondern auch außen relativ große und besonders laute Boxen,
die das Schlafen nahezu unmöglich machten. Nur unser
„U-Boot-Kapitän“ Siggi, der bei der Marine war, konnte
bei jeglichem Lärm schlafen, worum er während der Reise
mehrfach beneidet wurde. Um etwa 3 Uhr morgens wurde die Disco
endlich geschlossen und wir konnten schlafen.
Während es tagsüber mit 28 °C im Schatten
ziemlich warm war, wurde es nachts jedoch recht kühl und durch
die hohe Luftfeuchtigkeit klamm, was zur Folge hatte, dass ich
nach einer Stunde Schlaf wieder aufwachte und fror. Zugedeckt mit
nahezu allen Kleidungsstücken, die ich mitgenommen hatte, schlief
ich dann irgendwann ein. Meine morgens sowieso meist schlechte
Laune mussten meine Begleiter am nächsten Tag verstärkt ertragen.
Eine kleine Rache für das intensive Schnarchkonzert der anderen
während der Nacht.

Rivulus torrenticola ist bisher nur aus dem Pakaraima-Gebirge
in Guyana bekannt.
Mit 4 cm Länge handelt es sich ebenfalls um eine kleine Art.
Foto: M. Schlüter

In Guyana wird häufig Gold gesucht. Ein Goldschürfboot am
Kamerang.
Foto: M. Schlüter

Der Mazaruni bei Kamerang im Gebirge. Foto: M. Schlüter
Schwarzwasserflüsse in den Bergen
Am nächsten Tag fuhren wir dann erneut mit
dem Boot Richtung Mazaruni bis zu einer Stelle etwa 100 m vor den
nicht schiffbaren Sadiwuk-Kuroba-Stromschnellen. Der Mazaruni
hatte dort eine Breite von etwa 30 m und wurde von Primärwald umsäumt.
Nahe der Landestelle hatten Suresh Paryag und Wim Suijker vor fast
zehn Jahren den bereits erwähnten Rivulus sp. „Paryagi“
entdeckt. Die Fische kamen damals in einem Bach vor, der etwa 15
Minuten zu Fuß von der Anlegestelle in östlicher Richtung lag.
Vor drei Jahren konnten die Fische dort von Suijker wegen der
Biotopverunreinigungen durch Goldsucher nicht mehr nachgewiesen
werden.
Auf dem kaum noch zu erkennenden Pfad zu
diesem Fangplatz machten wir eine unliebsame Bekanntschaft mit
einer Wespenkolonie, wodurch wir weitaus schneller ankamen als
gedacht. Hier sah die Landschaft sehr malerisch aus, und von den
Aktivitäten der Goldgräber war kaum noch etwas zu erkennen.
Durch die geschlagenen Bäume und entnommene Erde waren Freiflächen
entstanden, an denen sich kleine Gewächse angesiedelt hatten.
Zwischen den Freiflächen lagen mehrere Tümpel
und Wasserlöcher von sehr dunkler Wasserfarbe. Die Landschaft
erinnerte mich an deutsche Hochmoore. Dennoch waren wir wegen
der Rivulus skeptisch, da die Tümpel und Wasserlöcher
nicht natürlichen Ursprungs, sondern von Goldgräbern angelegt
worden waren. Begeistert konnten wir jedoch besonders in den Tümpeln
relativ viele große und gut genährte Rivulus sp. „Paryagi“
fangen. Durch die häufigen, starken Regenfälle waren die
chemischen Rückstände der Goldsuche vermutlich ausgeschwemmt und
somit neue Biotope für diese Rivulus-Art geschaffen
worden.
Im Bach selbst konnten wir nur wenige Tiere
fangen. Neben einer Krebsart haben wir nur noch fünf wunderschön
rot gefärbte Jungfische von Piabucina cf. unitaeniata
erbeuten können. Das Wasser der Tümpel war schwarzbraun gefärbt
und der Untergrund nicht zu erkennen. Die Rivulus hielten
sich häufig zwischen im Wasser hängenden Gräsern und Wurzeln
auf. Der pH-Wert war wieder sehr sauer.
Nach etwa zwei Stunden hatten wir ausreichend Rivulus
gefangen und fuhren zu unserem fünften Fundort, an dem wir nur
Salmler erbeuten konnten. Es handelte sich um ein Überschwemmungsgebiet
am Membaru-Fluss, etwa 8 km von Kamerang entfernt in Richtung
Mazaruni. Der Untergrund war schlammig und wir sanken wieder tief
in den Bodengrund ein. Die Mücken freuten sich über europäisches
Blut. Suresh und Gomes blieben allerdings auch nicht völlig
verschont.

Frans Vermeulen am Kaieteur-Fall (oben rechts). Hier kann man
erkennen,
wie gewaltig der Wasserfall tatsächlich ist.
Foto: M. Schlüter

Durch Goldsucher geschaffenes Biotop von Rivulus sp. „Paryagi“.
Foto: M. Schlüter

Rivulus breviceps ist bisher nur von einigen Biotopen oberhalb
des Kaieteur-Falls bekannt.
Foto: M. Schlüter
Am Membaru fingen wir verschiedene Salmler,
wie Apareiodon gransabana, Curimata vittata, Hemigrammus-Arten
und andere, weißweinfarbene Characiden, von denen eine Art eine hübsch
rot gefärbte Schwanzflosse hatte. Etwa 7 km weiter konnten wir an
einem kleinen Bach wieder Rivulus torrenticola und
Jungfische einer Aequidens-Art fangen. Leider führten die
meisten kleinen Bäche, die in den Kamerang oder Mazaruni flossen,
relativ wenig Wasser, während der Wasserstand in den beiden großen
Flüssen ein Fangen nahezu unmöglich machte.
Nach zwei weiteren kalten und lauten Nächten
war unser siebter Fundort ein kleiner Bach oder Graben mit teilweise
felsigem Untergrund nahe Kamerang bei Paul James Landing. Hier
fingen wir neben Rivulus immaculatus auch Hoplosternum
littorale. Am nächsten Fundort am Ende der Flugpiste von
Kamerang konnten wir in einem kleinen Bach erneut Rivulus
immaculatus erbeuten.
Die Fische kamen hier in den Uferbereichen bei
maximal 5 cm Wasserstand vor. Weitere Fischarten waren Aequidens
potaroensis, Jungfische einer zweiten (?) Aequidens-Art,
Piabucina cf. unitaeniata und Hemigrammus belotti.

Der seltene Poecilocharax bovalli kommt ober- und unterhalb
des Kaieteur-Falls vor. Im Aquarium sind die Tiere leider recht
scheu.
Foto: M. Schlüter
Unbekanntes Terrain
Danach ging es zurück nach Georgetown. Hier
mussten wir erst einmal die bisher gefangenen Fische versorgen und
uns um die erforderlichen Exportgenehmigungen kümmern. Die Fische
verteilten wir einzeln auf kleine Behälter. Für den
Wasserwechsel nutzten wir Regenwasser, dass in einem großen Tank
auf dem Grundstück von Suresh aufgefangen worden war. Trotz des
etwas höheren pH-Wertes vertrugen die Fische das Wasser gut.
Aufgrund der etwas angespannten Familienverhältnisse
zwischen Sureshs hart arbeitender Pflegetochter und seiner eher
lethargischen Ehefrau war der Aufenthalt in Eccles nicht sehr
angenehm. Besonders die kleine Tochter von Suresh war nicht
erzogen. Im Gegensatz zu seinem Sohn durfte sie alles und nutzte
das auch reichlich aus. Auch deshalb beschlossen wir außerplanmäßig
einen Flug nach Sakaika zu wagen, um dort im Ekreku zu fischen,
einem Zufluss zum Cuyuni-Fluss.
Leider war der Flugpreis recht hoch und die
Aufenthaltsdauer sehr kurz. Dennoch schien uns diese Option sehr
interessant, da unseres Wissens dort bisher noch nicht gefischt
worden war.
Sakaika liegt wie auch Kamerang im
Pakaraima-Gebirge im Westen Guyanas, etwa 40 km von der Grenze
Venezuelas entfernt. Der Cuyuni-Fluss bildet die natürliche, jedoch
von beiden Staaten nicht endgültig anerkannte Staatsgrenze. Nach
einem unruhigen Flug durch das Gebirge kamen wir in Sakaika an.
Ich weiß nicht genau, was ich erwartet hatte, aber dieser Ort war
mehr als abgelegen und trostlos. Zwei Polizisten empfingen uns
sehr freundlich und freuten sich über die Abwechslung und unsere
Zigaretten. Es handelte sich nur um einen Außenposten, der aus
zwei Häusern mit den beiden Polizisten als Einwohnern bestand.
Sie sollten wohl ein Auge auf die Goldsucher haben, die ein wenig
weiter ein Camp angelegt hatten.
Auf der Hochebene gab es nur Gebüsch und Sträucher.
Kleinere, flache und dadurch sehr warme Rinnsale flossen über den
Felsboden in den wunderschönen Ekreku. Der Ekreku ist ein
5–10 m breiter, sehr stark bis reißend fließender
Schwarzwasserfluss mit steinigem Untergrund. In dem relativ
flachen Wasser war es wegen der Strömung kaum möglich zu stehen,
geschweige denn zu fischen. Mithilfe der Polizisten fingen wir Cyphocharax
spilurus, deren Schuppen in der Sonne schön blau glänzten,
Jungfische von Hoplerythrinus unitaeniatus und in den
kleinen Rinnsalen Rivulus immaculatus. Für die geringe
Ausbeute wurden wir während des Rückflugs durch den
traumhaften Ausblick auf die 190 m hohen Sakaika-Wasserfälle
entschädigt.

Rivulus mahdiaensis wurde im letzten Jahr neu beschrieben. Die
Männchen haben eine für Rivulus untypische gegabelte
Schwanzflosse.
Foto: M. Schlüter
Goldgräberstadt
Als nächstes wollten wir dann mit dem Bus von
Suresh nach Mahdia fahren und von dort zum Wahrzeichen Guyanas
fliegen, den Kaieteur-Wasserfällen. Für die Fahrt musste das
Auto noch vorbereitet werden, da die Strecke lang und holprig sein
sollte. Als es nach zähen Verhandlungen über den Mietpreis und
die erforderlichen Reparaturmaßnahmen endlich losging, mussten
wir uns beeilen. Um nach Mahdia zu kommen, musste der Essequibo überquert
werden, und die Fähre fuhr nicht während der Dunkelheit. Das
bedeutete zu unserem Leidwesen, dass wir während der mehrstündigen
Fahrt trotz ansprechender Biotope nicht fischen konnten.
Die anfangs asphaltierte Straße wurde kurz
hinter Linden zur holprigen Sandpiste. Deshalb freuten sich unsere
verlängerten Rücken über auch noch so kurze Pausen. Die
Landschaft verwandelte sich langsam von Buschwald über sekundären
in ursprünglichen Regenwald. Nach der Überquerung des Essequibo
und der zwar nur noch kurzen, aber besonders schlechten Wegstrecke
nach Mahdia hielten wir an dem ersten, etwa 3–4 km weit
entfernten Bach an, um endlich wieder zu fischen. Das Wasser war
schwach gelblich gefärbt und hatte um ungefähr 15 Uhr eine
Temperatur von 24 °C. Der Bach war etwa 3 m breit, mit Lehmboden,
groben Stein-, Holz- und Laubeinlagerungen. Neben Hemigrammus
stictus konnten wir hier unsere ersten Rivulus geayi sowie Rivulus
immaculatus fangen.
Nach einer weiteren Stunde Fahrtzeit kamen wir
endlich in Mahdia an. Mahdia präsentierte sich als laute und
bunte Goldgräberstadt, die an Städte aus alten Western
erinnerte. Die nicht asphaltierte, mit riesigen Schlaglöchern
gespickte Hauptstraße war beidseitig mit Geschäften und Bars gesäumt,
in denen alle möglichen und unmöglichen Artikel feilgeboten
wurden, wie Goldgräberutensilien, CDs, Maniküre und vieles mehr.
Frans kannte in Mahdia eine Dame von einer vorherigen Reise, die
einen etwas abseits gelegenen Gemischtwarenladen besaß. Dort
durften wir wieder unsere Hängematten für die Nacht auf der
Terrasse aufhängen.
Nach einer recht feuchten Nacht ging es am nächsten
Morgen erst einmal Richtung Tumatumari auf einer mit unserem Bus
kaum zu befahrenden Straße. Nachdem wir Suresh überzeugen
konnten, dass sein Bus tatsächlich für diese Straße geeignet
und er der beste Fahrer überhaupt sei, erreichten wir nach einer
etwa einstündigen Fahrt von 10 km einen kleinen Bach. Hier oder
zumindest in der Nähe war die Art Rivulus mahdiaensis
gefangen worden, von der wir unbedingt Fische mitnehmen wollten.
Leider konnten wir jedoch nur Hemigrammus stictus, einen
weiteren Salmler sowie Rivulus cf. urophthalmus
fangen.
Nach einer ebenso langen Rückfahrt verpackten
wir die bisher gefangenen Fische, um sie vor Ort zu lassen. Wir
wollten sie nicht unbedingt mit zum Kaieteur-Nationalpark
mitnehmen. Also blieben sie in Mahdia und wir fuhren am nächsten
Morgen zum Flughafen, der aus zwei Häusern mit einer Lande- und
Startbahn bestand. Am Rand der Piste waren bereits viele Dinge wie
Benzin und Möbel gestapelt, um in abgelegene Dörfer in den
Bergen transportiert zu werden. Auch zu unserem Ziel oberhalb des
Kaieteur-Wasserfalls konnten Waren nur mit kleinen Flugzeugen
transportiert werden.

In diesem Rinnsal an der Straße nach Maburo kamen nur Rivulus
geayi vor.
Foto: M. Schlüter
Das Naturschutzgebiet am Kaieteur
Frans war auf der Suche nach Rivulus
holmiae, einer großen Rivulus-Art, die von Eigenmann
et al. 1908 gefangen und ein Jahr später beschrieben worden war.
Die Typuslokalität sollte nahe Holmia an der Mündung des
Chenapowu-Flusses in den Potaro liegen. Holmia existiert jedoch
nicht mehr. Es gibt allerdings das Dorf Chenapowu, zu dem wir mit
einem aus Mahdia per Funk gecharterten Boot fahren wollten. Nach
einstündigem Flug von Mahdia mit Aussicht auf den wunderschönen
Kaieteur-Fall landeten wir auf dem Hochplateau. Dort angekommen,
war außer der Flugpiste und einem Haus für den Funkverkehr
nichts zu sehen.
Als das Flugzeug abflog, waren wir allein und
warteten bei großer Hitze auf den Leiter des Nationalparks, der
nach einer weiteren Stunde kam. Hier stellte sich heraus, dass
unser Boot nach Chenapowu bereits am Tag zuvor dargewesen war –
wir hatten es leider verpasst. Daher beschlossen wir, erst einmal
zum nächstgelegenen Dorf Menzies Landing zu gehen, um uns eine Übernachtungsmöglichkeit
zu suchen. Die bestand dann aus einem mit Folie abgedeckten
Holzgerüst, wo auch Diesel für die Motoren gelagert wurde.
Nachdem wir es uns „gemütlich“ gemacht
hatten, gingen wir erst einmal wieder zum Kaieteur, um den
Ausblick zu genießen. Oben floss der dunkelbraune Potaro, gesäumt
von Regenwald. Im Uferbereich kurz vor dem Fall wuchsen in starker
Strömung Vallisnerienartige Pflanzen, die bis zu 2 m lange,
dunkelgrüne Blätter hatten. Im felsigen Uferbereich tummelten
sich Jungfische von Apistogramma, Salmlern und Co. Dann
stürzte der Fluss über 600 m in die Tiefe. Unten war ein
Regenbogen zu sehen. Der Fluss mäanderte durch eine tiefe, dicht
bepflanzte Schlucht. An den Felsen krallten sich bis zu 2 m hohe
Bromelien und andere Pflanzen fest. Diesen Ausblick werde ich wohl
nie vergessen – er war einfach großartig.
Zurück an der Funkstation versuchten wir
wieder mehrfach, das Dorf Chenapowu per Funk zu erreichen. Leider
kamen wir nicht durch. Später stellte sich heraus, dass dort das
Funkgerät sonntags ausgeschaltet war, obwohl bekannt gewesen war,
dass wir das Boot benötigten. Das einzig verfügbare Boot in
Menzies Landing hatte nur einen schwachen Motor, mit dem wir viel
zu lange für die Fahrt benötigt hätten.

Rivulus geayi hat ein sehr großes Verbreitungsgebiet, das von
Guyana bis nach Brasilien reicht.
Foto: M. Schlüter
Der sehr nette Leiter des Nationalparks hatte Mitleid mit uns und
gestattete uns das Fangen im Park. Dort fischten wir an den nächsten
Tagen an mehreren kleinen Wasserlöchern, Gräben und Rinnsalen
zwischen der Landebahn und Menzies Landing. In kleinen Felsspalten
konnten wir hier Rivulus waimacui fangen. In den Rinnsalen,
die im Wald versteckt lagen, erbeuteten wir dann zwischen dem Laub
unsere ersten drei kleinen Poecilocharax bovalli. Trotz intensiver
Suche gelang es uns leider nicht, mehr Tiere zu fangen.
Sympatrisch kamen hier Rivulus breviceps zwischen dem Laub
vor.
Die Bewohner von Menzies Landing waren sehr
nett zu uns. Mit einer Gruppe von „Rastaman“ verstand ich mich
recht gut, während die anderen etwas skeptisch waren. Ich war
erstaunt über deren Fachwissen, was die dortige Flora und Fauna
betraf. Suresh meinte jedoch, wir müssten hier sehr vorsichtig
sein. Den Abend verbrachten wir dann in einer lauten Kneipe, in
der viel Rum konsumiert wurde. Besonders Frans kam gut mit den
Goldgräbern klar, auch als einige etwas unangenehm wurden. Mit
seinem Leitspruch, „I am an adaptable guy“, und spielerischem
Geschick bei einem Damespiel entschärfte er die Situation.
Am nächsten Tag fuhren wir dann mit einem
Ruderboot auf die andere Flussseite. Nach einem anstrengenden
Marsch durch den Dschungel kamen wir zu einem kleinen Bach gegenüber
der Wasch- und Bootsanlegestelle von Menzies Landing, der in den
Potaro floss.
Das Wasser war hier sehr flach, etwa 30 cm
tief mit Sandboden und Laubeinlagerungen. Die Wasserwerte konnten
wir leider nicht bestimmen, da es wie aus Eimern schüttete. Glücklicherweise
fingen wir hier mehrere ausgewachsene Poecilocharax bovalli,
Aequidens potaroensis, eine Ageneiosus-Art sowie blaue
Krebse.
An diesem Tag kam dann abends unser Boot.
Leider war es mittlerweile so spät, dass wir es nicht mehr nutzen
konnten, da der Rückflug für den nächsten Tag geplant war. Nach
ausführlichen Diskussionen einigten wir uns auf einen Preis und
verpackten die Fische. Auf die kleine Cessna mussten wir dann
etwas länger warten und da sich dort bereits weitere Fluggäste
befanden, beeilten wir uns, unsere Ansprüche geltend zu machen.
Wegen der kurzen Startbahn und des hohen Gewichts kam der Flieger
dann nur knapp über die Bäume unmittelbar hinter der Bahn
hinweg.
Da wir noch keine Rivulus mahdianensis
gefangen hatten, beschlossen wir, kurz vor unserer Rückreise nach
Georgetown erneut in der näheren Umgebung von Mahdia zu fischen.
An einem etwa 1 m breiten Bach, der wieder nur ungefähr 30 cm
tief war, fingen wir Copella arnoldi, Jungfische einer Hoplias-Art,
sehr wenige Poecilocharax bovalli, Apistogramma ortmanni,
zwei Jungfische einer Cichliden-Art, die sich später als Ivanacara
bimaculata entpuppte, Aequidens potaroensis und Rivulus
waimacui.
Kurz bevor wir das Biotop verlassen wollten,
ging uns dann endlich ein Rivulus-mahdiaensis-Männchen ins
Netz. Nach einer weiteren Stunde hatten wir drei Männchen und
zwei Weibchen gefangen. Eine weitere Suche schien nicht
erfolgversprechend, und da Suresh zu seiner Familie zurückwollte,
fuhren wir wieder in Richtung Georgetown.

Auch Rivulus waimacui ist nur aus einem kleinen Gebiet in
Guyana bekannt. Leider sind die Tiere im Aquarium relativ aggressiv.
Foto: M. Schlüter
Zurück in Georgetown
Zwischen der Fähre über den Essequibo und
Mabura hielten wir dann noch an einem kleinen Graben, der etwa 40
cm breit und zwischen 5 und 30 cm tief war. Die Strömung war
recht schwach und das Wasser mit 32 °C sehr warm. Der Boden war
steinig, mit Laubeinlagerungen, viel Schlamm und Algen. Das Wasser
war mit einem pH-Wert von 4,3 und etwa 30 µS/cm Leitwert sehr
sauer und weich. In den durch Bäume beschatteten Bereichen
konnten wir schöne Rivulus geayi fangen.
Auf dem Rückweg wollten wir unbedingt noch am
40-Miles-Creek fischen, der von der Abzweigung Linden/Rockstone
in südlicher Richtung nach Mabura etwa 65 km weit entfernt an der
Straße lag. Wir hatten hier schon zuvor gefischt, jedoch keine
Tiere mitgenommen. Der 40-Miles-Creek ist ein 1–4 m breiter
und 0,1–1 m tiefer, kaffee-schwarzbrauner Bach mit sandigem und
felsigem Untergrund. Direkt neben der Straße ist ein kleines Überschwemmungsgebiet,
das von dem Bach gespeist wird. Hier kommen Rivulus frenatus
und Rivulus urophthalmus vor. Im Bach selbst konnten
wir Anostomus anostomus, Curimatidae sp., Hemigrammus
erythrozonus, Hemigrammus rodwayi, Hemigrammus sp., Nannostomus
marginatus und Aequidens potaroensis fangen.
Nach einer halsbrecherischen Rückfahrt kamen
wir abends erschöpft, aber wohlbehalten in Eccles, Georgetown an.
Den nächsten Tag verbrachten wir dann hauptsächlich damit, die
bereits beantragte Ausfuhrgenehmigung zu erhalten. Leider war
das erfolglos, da die zuständige Person krank geworden war und
der Vertreter uns nicht helfen wollte. Auch am nächsten Tag
verbrachten wir fast den kompletten Tag auf dem Amt. Nach langem
Zureden von Suresh erhielten wir letztlich die erforderliche
Ausfuhrgenehmigung, eine Zollbescheinigung und das Zeugnis des
Veterinärs.
Beruhigt fuhren wir an diesem Tag noch nach
Kontoballi am Ende der Startbahn des Timehri-Flughafens. Direkt
neben einer Schweinezucht floss ein etwa 2 m breiter und 1 m
tiefer, schwach gelblicher Bach mit mäßiger Strömung durch die
Savanne. Daneben war überschwemmtes Grasland. Hier konnten wir
durch Herunterdrücken der Grassoden in geringer Tiefe Rivulus
agilae fangen. Im Bach selbst kamen Copella arnoldi,
Crenuchus spilurus, Apistogramma ortmanni und Aequidens
potaroensis vor.
Auf der Rücktour hielten wir dann noch bei
einem Vogel- und Fischexporteur. Die Anlage war relativ professionell
und die Fische sahen gesund aus. Hier konnten wird dann die ganzen
Palette der im Flachland vorkommenden Arten wie Acarichthys
heckelii, Crenicichla-, Geophagus- und Guianacara-Arten,
Gasteropelecus sternicla, Nannostomus trifasciatus, Corydoras
aeneus und C. melanistius sowie weitere Arten sehen.
Die Arten aus dem Hochland waren allerdings nicht vertreten, so
dass die Auswahl doch relativ gering war.
Die Rückreise nach Deutschland gestaltete
sich unproblematisch. Zwar wurden wir am Timeheri-Flughafen
kontrolliert und die Fische entdeckt, doch nachdem wir unsere
Genehmigungen vorgezeigt hatten, waren die Zöllner außerordentlich
zuvorkommend.
Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal
bei Frans Vermeulen und Suresh Paryag bedanken. Ohne ihre gute
Organisation hätten wir niemals so viele verschiedene Rivulus-Arten
fangen können.

Rivulus stagnatus ist aus den Küstengebieten von Guyana und
Surinam bekannt.
Foto: M. Schlüter

Auch Rivulus agilae ist eine weit verbreitete Art. Die
Zucht dieser Bachlinge ist relativ leicht.
Foto: M. Schlüter
Literatur
Eigenmann, C. H. (1909): Reports on the
Expedition to British Guiana of the Indiana University and
Carnegie Museum. Report 1908.
Eigenmann, C. H. (1912): The Freshwater Fishes
of British Guiana, including a study of the ecological grouping of
species and the relation of the fauna of the plateau to that of
the lowlands. Mem. Carnegie Museum.
Suijker, W. H., & G. E. Collier (2006): Rivulus
mahdiaensis, a new killifish from central Guyana (Cyprinodontiformes:
Rivulidae). Zootaxa 1246: 3, fig. 1 a–b.
Vermeulen, F. B. M., & I. J. H. Isbrücker
(2000): Rivulus torrenticola n. sp. (Actinopterygii:
Cyprinodontiformes: Rivulidae), a new Killifish from Highlands in
the Guyana shield. Beaufortia 50 (10): 186, figs. 1–2.